Sehr geehrte Frau Scheiwiller,
ich komme aus Polen und bin Deutschlehrerin. Ich bereite einen Deutschunterricht vor, in dem ich über Benimm-, Besuch- und Einladungsregeln eines Gastes in Deutschland erzählen werde. Ich habe Ihre Seite gefunden und möchte Sie um Hilfe bitten. Als ich in Deutschland Deutsch gelernt habe, erinnere ich mich nur daran, dass man keineswegs der Gastgeberin rote Rosen schenken darf, und dass es üblich ist, 5 Minuten früher zu kommen. Aber welche Pflichten hat der Gast in Deutschland noch? Soll er zum Bespiel beim Besuch die Schuhe ausziehen oder nicht, soll er ein kleines Geschenk mitbringen, eine Flasche Wein? Was darf man auf keinen Fall als Gast machen? Was ist höflich, und was ist tabu?
Ich wäre Ihnen für Ihre Hilfe sehr dankbar, und ich bedanke mich im Voraus bei Ihnen für Ihre Antwort.Mit freundlichen Grüßen. Joanna, 37
Liebe Joanna
Der Gast ist „König“, trotzdem sollte er auch einige Regeln befolgen.
Die Regeln hier in der Schweiz unterscheiden sich kaum von denen unserer deutschen Nachbarn. Die Gäste zu bewirten ist mit Arbeit verbunden. Ein kleines Geschenk hinterlässt eine Wertschätzung.
Die Gastgebergeschenke…
Die Klassiker unter den Geschenken sind sicher Blumen und Wein. Aber selbstverständlich gerade dann, wenn man aus einem fremden Land kommt, wird eine kleine Aufmerksamkeit aus Ihrem Land sicherlich auch Freude bereiten. Aber bleiben wir bei den „Klassikern“. Die Gastgeberin wird sich an einem Blumenstrauss bestimmt erfreuen. Rote Rosen, weisse Lilien, Nelken und Chrysanthemen werden vielfach mit speziellen Situationen assoziiert. (Rote Rosen = Liebe, weisse Lilien, Nelken und Chrysanthemen = Totenehrung) Als Alternative empfehle ich einen saisonalen Blumenstrauss mit der Lieblingsfarbe der Gastgeberin. Die Anzahl der Blumen sollte bei kleineren Sträussen ungerade sein. Bei grösseren darf auch eine gerade Zahl sein. Die Anzahl dreizehn sollten Sie allerding nicht nehmen. Sind Sie als Paar eingeladen, so wird der Mann den Blumenstrauss ohne Verpackung der Gastgeberin überreichen. Aussert handelt sich um eine Cellophan-Verpackung. Für den Gastgeber ist Wein eine gute Wahl. Es darf sich um eine oder gar zwei Flaschen handeln. Ein Fauxpas wäre, die Gastgebern zu bitten, den Wein gleich für das Essen zu gebrauchen.
Pünktlichkeit….
Wer zu früh erscheint ist auch „unpünktlich“. Falls Sie sehen, dass Ihr Eintreffen vor der abgemachten Zeit sein wird, müssen Sie annehmen, dass Sie den Gastgeber bei der Einladungsvorbereitung stören. Darum ist es ratsam, zur genau abgemachten Zeit einzutreffen. Eine Verspätung wird auch nicht gerne gesehen. Sollte dies trotzdem vorkommen, müsste dies unbedingt telefonisch mitgeteilt werden.
Der zuvorkommende Gastgeber wird die Gäste nicht bitten die Schuhe auszuziehen. Natürlich bedingt dies, dass man mit sauberen Schuhen eintrifft.
Zu Tisch…
Warten Sie ab, bis der Gastgeber Ihnen den Platz zuweist, und er Sie bittet Platz zu nehmen.
Fangen Sie erst an zu essen und zu trinken, wenn der Gastgeber dies anzeigt. Das Nachwürzen mit „Diskretion“ ist erlaubt. Allerdings sollte die Speise erst probiert werden. Das Rauchen zwischen den Gängen wird als sehr unangenehm empfunden. Warten Sie damit ab, bis das Essen beendet ist, und fragen dann um Erlaubnis. Zahnstocher zu benützen, die Lippen nachziehen sowie die Nase pudern sind persönliche Bedürfnisse, die im Badezimmer und nicht am Tisch erledigt werden. Das Mobiltelefon sollte ausgeschaltet und in der Tasche verstaut sein. Auch das Empfangen eines SMS sollte nicht erkennbar sein.
Helfen….
Kennen Sie die Gastgeber gut, so können Sie fragen, ob man in irgendeiner Form behilfliche sein könnte, z.B. Teller abräumen etc. Ist die Einladung eher formell, wäre dies ein Fauxpas.
Das Ende der Einladung…..
Bei einer Einladung ist es Sache des Gastgebers, die Gäste durch den Abend zu führen und mittels diskreten Zeichen das Ende der Einladung zu bestimmen. Im Normalfall ist die Zeit zum Aufbruch frühestens 30 Minuten nach dem Kaffee. Erst wenn die Gastgebern die Einladung als beendet erklären und aufstehen, sollte der Gast dies auch tun.
Ein Dankeschön…
Was sicher sehr geschätzt wird ist, dass man sich im Nachhinein nochmals für die Einladung bedankt. Dies kann in Form einer Karte, per SMS, E-Mail oder auch per Telefon sein.
Liebe Joanna, schon Adolf Freiherr von Knigge sagte: „Die besten Umgangsformen sind wertlos, wenn es an Takt und Herzensbildung fehlt.“ In diesem Sinne verabschiede ich mich und wünsche Ihnen beim Vermitteln der verschiedenen Regeln viel Spass.
Herzlichst
Ihre Knigge Ratgeberin
Loredana Scheiwiller